“Den schlafenden Riesen aufwecken”
Montag, Dezember 1st, 2008OFFENBURG. Vor 28 000 Menschen hat Renate Hartwig im Sommer in München gesprochen. Nicht ganz so viele kamen jüngst in den Schillersaal, um in der Reihe “Lebenswege” die “Mutter Courage unter den deutschen Sachbuchautoren” zum Thema “Der verkaufte Patient” zu hören. In Offenburg hat Hartwig einen Patientenstammtisch angeregt, der morgen zum ersten Mal tagt: Gertrude Siefke fragte bei der kämpferischen Publizistin nach.
- BZ: Frau Hartwig, wie wurde die Gesundheitsreform zu Ihrem Thema?
Hartwig: Indem mir bei einem Hausarztbesuch bewusst wurde, was Gesundheitspolitik für uns Patienten bedeutet: Wir werden durch die sogenannte Gesundheitsreform zur Ware und nach Gewinn und Verlust für Kapitalgesellschaften präpariert! Chronisch Kranke und behinderte Menschen müssen um Hilfsmittel betteln, Patienten werden Medikamente verweigert, Krankenschwestern und Pfleger arbeiten für einen Hungerlohn, Hausärzte werden von der Politik in den Ruin getrieben, die Bürokratien explodieren im gleichen Umfang wie die Beraterhonorare. Und die Kosten steigen und steigen – das darf nicht sein.
BZ: Worum geht es Ihnen ganz konkret?
Hartwig: Um wache Bürger, um wehrhafte Demokratie, um den Erhalt unseres Solidarsystems: Gesunde für Kranke, Junge für Alte.
BZ: Fehlt es den Leuten, in diesem Fall den Patienten, Ihrer Meinung nach an zivilem Ungehorsam?
Hartwig: Ja, aber nur, weil die gezielte Desinformationsschiene aus politischen Kreisen im Moment noch stärker ist. Dem setze ich Information entgegen. Und deshalb heißt meine Aktion “Patient informiert sich”. Dazu habe ich eine eigene Webseite mit diesem Namen.
BZ: Haben Sie den Eindruck, etwas bewirken zu können beziehungsweise bereits etwas bewirkt zu haben?
Hartwig: Aber hallo, natürlich. Sobald die Bürger über die tatsächlichen Hintergründe dieser Gesundheitspolitik wissen, sagen sie nein und reagieren. 405 Bürgerpatientenstammtische in vier Monaten sind der Beweis!
BZ: Auf Ihre Anregung hin wird es jetzt auch in Offenburg einen Bürgerpatientenstammtisch geben. Die erste Runde will morgen, Dienstag, 2. Dezember, um 19 Uhr im Gasthaus “Brandeck” starten. Ärzte und Patienten sollen sich an einen Tisch setzen. Wird zu wenig miteinander geredet, fehlt es aus Ihrer Sicht an Austausch?
Hartwig: Es fehlt an Informationen, welche Auswirkungen die Gesundheitsreform auf Arzt und Patient hat. Welche Ziele dahinterstecken und was es bedeutet, wenn unser Gesundheitswesen von Kapitalgesellschaften gesteuert wird. Wir müssen wieder mehr zusammenrücken, darauf achten, was über unsere Köpfe hinweg entschieden wird und was mit unserem Geld finanziert wird. Über die regionalen Treffen funktioniert Austausch miteinander. Wehrhafte Demokratie greift. Den schlafenden Riesen Patient aufwecken, das ist mein Ziel.
Bürgerpatientenstammtisch:
Morgen, Dienstag, 2. Dezember, 19 Uhr im Brandeck.
Badischer Verlag GmbH & Co. KG
01. Dezember 2008
Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.
